VORBERGSTR. 3 - EINE HAUSGEMEINSCHAFT STELLT SICH VOR

Ein Haus und seine Mieter/-innen stellen sich vor

Stolperstein

Die Familie Waldstein, damals im Vorderhaus, 1. Etage rechts wohnend, konnte 1939 rechtzeitig emigrieren. Der damals 16-Jährige Gerhard Waldstein lebt heute unter dem Namen Gerry Waldston in Kanada.

Quelle: Wikipedia - OTFW, Berlin

Martha Trier wurde deportiert und ermordet. Ihrem Gedenken gilt der „Stolperstein“.


Man weiß nicht viel über ihr das Leben von Martha Trier. Wenig und Erschütterndes eröffnet sich aus der bürokratischen Abwicklung ihrer Deportation (Quelle: Brandenburgisches Landeshauptarchiv, Potsdam-Golm; Akte Rep. 36 A II Nr. 38247 des Oberfinanzpräsidenten Berlin-Brandenburg):

Martha Trier war am 20. Januar 1884 in Berlin geboren worden. Da sie jüdischen Glaubens war, wurde sie 57-jährig am 1. November 1941 nach Lodz deportiert – danach gab es kein Lebenszeichen mehr.
Als ledige Frau hatte sie seit Oktober 1932 in der Vorbergstraße 3 in Berlin-Schöneberg gewohnt, im 2. Stock des linken Seitenflügels. Bald schon musste sie den Zusatznamen “Sara“ tragen und ihre Wohnung wurde zur “Judenwohnung Nr. 687“.

Zuletzt hatte sie als Buchhalterin und Stenotypistin in den Pertrix-Werken in Niederschöneweide, Sedanstraße 56b, gearbeitet. Ihr Lohn betrug 48 Pfennig pro Stunde. Die Pertrix-Werke zahlten nachträglich 26,92 RM für geleistete Arbeit an das Finanzamt Moabit, als Frau Trier schon deportiert und vermutlich schon ermordet worden war.

Vor der Deportation hatte Frau Trier eine “Vermögenserklärung“ abgeben müssen (Gesetz über die “Einziehung volks- und staatsfeindlichen Vermögens“ vom 14. Juli 1933).

In das Formular trug sie ihren Besitz ein und unterzeichnete es am 26. Oktober 1941:

Schlafkammer:

Schrank, Bett, Nachttisch, Waschtisch, Stuhl

Wohnzimmer:

Esstisch mit 4 Stühlen, Schreibtisch mit Stuhl, Sessel, Chaiselongue und eine Lampe

Diele:

Vertiko, Kommode, Uhr, Plettbrett und Waschtopf

Küche:

Schrank, Tisch mit 2 Stühlen, Lampe, Gardinen, Geschirr und Töpfe, Bügeleisen und Leiter

Keller:

Körbe, alte Matratze, Bilderrahmen, alte Geschäftspapiere

Kleidung:

Mantel, 2 Wollkleider, 3 Sommerkleider, 2 Röcke, 4 Blusen, Unterwäsche, Nachtwäsche, Strümpfe, 2 Paar Schuhe, eine Handtasche, 4 Halstücher

Wäsche: 

2 Tischdecken, 6 Servietten, 6 Handtücher, einmal Bettwäsche, 2 Decken, 4 Kissen

Geld:

90,-RM


Das zuständige Amt bewertete viel später, am 8. Januar 1942, ihren Besitz mit 93,- RM und 90,- RM Bargeld.

Am 30. Oktober 1941, also vier Tage nachdem Frau Trier die Vermögenserklärung eingereicht hatte, bekam sie ein Antwortschreiben von der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) mit dem Wortlaut, dass „das gesamte Vermögen der Martha Sara Trier zugunsten des Deutschen Reiches eingezogen“ worden war. 

Dieses Schreiben wurde Frau Trier persönlich überreicht – da war sie schon in der Levetzowstraße 7/8 (Sammelstelle vor der Deportation) untergebracht. Zwei Tage später, am 1. November 1941, wurde sie deportiert.

Das Haus Vorbergstraße 3 gehörte damals der Hamburg-Mannheimer-Versicherungs-gesellschaft, Meinekestraße 3. Hausverwalter war Heinrich Siebert, der bei Familie Fischer in der Vorbergstraße 3 wohnte.

Die Versicherungsgesellschaft schreibt am 29. November 1941 an das Finanzamt Moabit, dass die „Judenwohnung Nr. 687“ von der Gestapo geräumt worden sei, dass noch kein neuer Mieter zugewiesen worden sei, dass deshalb das Finanzamt die Miete für November in der Höhe von 42,68 RM an die Versicherungsgesellschaft überweisen solle – was auch geschah.

Mit Datum vom 9. Februar 1942 – Frau Trier ist längst tot – ist das Formular „Reparatur-Verpflichtung des evakuierten Juden“ in der Akte. Es besagt, dass Frau Trier für die Kosten aufzukommen habe („Schönheitsreparaturen trägt der Mieter“). Die Wohnung war besichtigt und die Kosten für Instandsetzung und Desinfektion auf ca. 420,- RM festgesetzt worden. Da das Vermögen von Frau Trier aufgebraucht sei, sollten das Deutsche Reich und der Hauseigentümer anteilig die restlichen Kosten tragen.

Die Bewag forderte am 30. April 1942 noch 15,84 RM nach. Dies wurde in einem Antwortschreiben zugesagt.

Die Gasag forderte am 15. Oktober 1942 noch 0,80 RM nach, was schriftlich abgewiesen wurde. 

Die Aktenblätter stammen aus mehreren Ämtern und Verwaltungsabteilungen; sie sind jeweils von anderen Angestellten unterschrieben worden – es waren also etliche Menschen mit der Deportation von Martha Trier befasst. 

 


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